97 Minuten in fremder Haut

 

97 Minuten in Fremder HautAls ich anlässlich der Vorlesungsreihe Sexualität_en erfuhr, dass eine dazugehörige Filmreihe organisiert wurde, war ich nur mässig begeistert. Nicht, dass ich dies keine gute Idee finde. Ich mag nur keine Filme. Sie lassen einem, oder zumindest mich, nicht mehr los und sie beschäftigen mich während Wochen oder gar Monaten. So war es auch dieses Mal. Der FilmFremde Haut (2005) der Regisseurin Angelina Maccarone rückt in aufwühlender Weise einen mir bis anhin gänzlich unbekannten Aspekt des Asylwesens in den Mittelpunkt. Eine Facette der Flüchtlingsdiskussion, die meist übergangen wird, und die mich seither tiefgehend beschäftigt.

Der Film erzählt die Geschichte der iranischen Dolmetscherin Fariba Tabrizi, die sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zur Flucht gezwungen sieht. Kaum in Deutschland angekommen, wird sie bei der Passkontrolle angehalten und ins Übergangslager gebracht. Während den Anhörungen fühlt sie sich neben dem iranischen Dolmetscher sichtlich unwohl und getraut sich nicht, den wahren Grund für ihre Flucht zu nennen. Auch als der Dolmetscher den Raum verlässt, führt sie weiterhin politische Gründe als Fluchtmotiv an, was eine negative Gesuchsbeurteilung zur Folge hat.

In der Nacht vor ihrer erzwungenen Rückreise nach Teheran begeht Siamak Mustafa, ebenfalls iranischer Flüchtling, aus Verzweiflung und Trauer über den Tod seines Bruders Selbstmord. Fariba entscheidet sich kurzerhand seine Identität anzunehmen und geht als Siamak Mustafa zu dessen Anhörung. Nach gutgeheissenem Gesuch beginnt ihr Leben mit einer männlichen Identität. Fariba wird einer schwäbischen Asylunterkunft zugeteilt, findet Arbeit in einer Sauerkrautfabrik und verliebt sich dort in Anne. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse und Fariba erfährt, dass sie innerhalb von 14 Tagen aus Deutschland ausreisen muss. Die Situation im Iran habe sich stabilisiert. Zum ersten Mal öffnet sich Fariba daraufhin einer Person und erzählt Anne ihren wahren Fluchtgrund und ihre Geschichte als Siamak Mustafa. In der letzten Szene, im Flugzeug zurück nach Teheran, zerstört Fariba in der Flugzeugstoilette die Identität von Fariba Tabrizi endgültig.

Eindrücklich hält der Film die Schwierigkeiten und Hürden fest, die Menschen aufgrund ihre sexuelle Orientierung und ihre Geschlechtsidentität im Asylverfahren zu spüren bekommen, sodass ich mehr über das Thema im Allgemeinen und über die Situation in der Schweiz erfahren wollte. Die Problematik der Übersetzenden aus dem gleichen Herkunftsland erscheint deutlich: Scham und Angst vor erneuter Erniedrigung während der Anhörung führen dazu, dass die Behörden den wahren Fluchtgrund zum Teil, und wenn überhaupt, erst spät erfahren. Zudem stellen die während den Anhörungen erfragten intimen und traumatisierenden Schilderungen eine massive Belastung dar. Problematisch ist nicht zuletzt, dass sich die Personen vor den Behörden outen müssen, selbst wenn sie dies zu Fluchtbeginn und nach jahrelangem Schweigen gar nicht vorhatten. Ein Outing allein reicht jedoch nicht: Während des Gesprächs muss etwa Homosexualität «bewiesen» werden, wozu das vom Gegenüber erwartete stereotypische Verhalten untermauert werden muss.

In Anbetracht der immer länger werdenden Liste von Ländern, die Homosexualität bestrafen: Vermissen nicht auch Sie in der aktuellen Debatte über die Asylrevision Argumente, die geschlechtsspezifische Verfolgung und die Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung mit einbeziehen?

Livia Tomas studiert an der Universität Fribourg «Kultur, Politik und Religion in der pluralistischen Gesellschaft» und «Gender, Gesellschaft, Sozialpolitik». Sie wohnt in Bern.

Quelle: 97 Minuten in fremder Haut – Terre des femmes

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