Erdogan vs. Militärs: „Konflikt nimmt zu und wird ideologisch“

Aschdar Kurtow, Experte des Russischen Instituts für strategische Studien, sagte der Onlinezeitung vz.ru: „Tatsächlich sind die Militärs mit Erdogan sehr unzufrieden. Die Geschehnisse in Syrien und im Irak haben den Konflikt nur geschürt. Historisch hatten die Militärs immer sehr viel Macht und Respekt in der Türkei genossen. Das wurde unter Atatürk legitimiert. Seitdem unternahmen die Militärs drei Staatsstreiche, aber auch einen Beinahe-Putsch im Jahr 1997. Mit der Machtübernahme durch Erdogan änderte sich allerdings die Rolle der Armee.“

„Die wichtigste Besonderheit der türkischen Armee ist ihre Treue zur Bewahrung der weltlichen Traditionen von Mustafa Kemal Atatürk“, erläuterte Kurtow. Vor diesem Hintergrund seien die Militärs nach Erdogans Aufstieg entmachtet worden.

Explosion nahe einer Schule im türkischen Kilis (Archivbild)
© AFP 2016/ STRINGER/ILHAS Erdogan: Türkei kann IS-Angriffe auch im Alleingang abwehren

„Erdogan bricht die bestehenden Traditionen, indem er islamische Prinzipien aufzwingt. Deswegen nimmt der Konflikt zu und gewinnt einen ideologischen Charakter. Unabhängig davon, was Erdogan sagt, führt er die Türkei gezielt und bewusst zu einer islamischen Regierungsform. Die Militärs sind dagegen“, so der russische Experte.

Metin Gurcan, einst Offizier der türkischen Armee und nun Analyst in Istanbul, hatte kürzlich dem „Wall Street Journal“ gesagt: „Das türkische Militär ist der einzige Akteur, der Erdogan bremsen und Checks and Balances gegen ihn schaffen will.“

In Sachen Syrien kommen die Differenzen zwischen Erdogan und der Armee nach Angaben des „WSJ“ besonders deutlich zum Vorschein: Die Militärspitze hat sich klar gegen eine Entsendung türkischer Soldaten nach Syrien ausgesprochen.

Der türkische Präsident Erdogan in Ankara, 2015
© REUTERS/ UMIT BEKTAS Erdogan auf dem Weg zur Allmacht – einst treue Mitstreiter als Rivalen neutralisiert

Michael Rubin, Ex-Mitarbeiter des Pentagons und nun Experte des American Enterprise Institute, beschäftigte sich mit der Frage, ob ein Militärputsch gegen Erdogan in der Türkei möglich wäre.

Vz.ru zitierte Rubin mit den Worten, die türkische Militärspitze begreife, dass Erdogan das Land in den Abgrund führe. Falls die Armeeführung doch einen Staatsstreich wage, werde Washington kein Mitleid mit Erdogan haben. Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner in den USA würden bereit sein, mit dem neuen türkischen Regime zusammenzuarbeiten, prognostizierte Rubin. Aus seiner Sicht wäre auch die Nato-Mitgliedschaft der Türkei keine Hürde für einen eventuellen Militärputsch.

Erdogan scheint aber zu präventiven Maßnahmen immer bereit zu sein. Im Jahr 2007 hatten die türkischen Behörden beispielsweise die Zerschlagung eines groß angelegten Komplotts gemeldet, bei dem ranghohe Militärs und Sicherheitsbeamte, aber auch Großunternehmer, Gewerkschaftler und oppositionelle Aktivisten mitgemacht haben sollen.

Quelle: Erdogan vs. Militärs: „Konflikt nimmt zu und wird ideologisch“

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